Es erstaunt mich immer wieder wie viele Hobbyfotografen sich eine teure Spiegelreflexkamera kaufen und dann oft nicht einmal den Zusammenhang von Blende, Verschlußzeit, Brennweite und der Bilddiagonalen des Aufnahmechips oder Filmes kennen? Um gezielter fotografieren zu können sollte man wenigstens dieses Grundwissen haben und noch besser wäre es, dieses auch gezielt einzusetzen. Ohne dieses Grundwissen wird der Großteil der Fotografien mehr ein Zufallsergebnis bleiben. Aber für die, welche hier noch Wissenslücken haben sollten, möchte ich diese mit diesem Artikel reduzieren. Alle vier Faktoren, Blende, Verschlußzeit, Brennweite und die Bilddiagonale des Aufnahmemediums haben auch Einfluß auf die Schärfentiefe.
Was ist Schärfentiefe?
Es ist der Bereich eines Objektes oder Objektraumes der von einem optischen System scharf abgebildet wird.
Alles klar?
Dann könnt ihr ja loslegen und dieses Wissen konkret und gezielt in der Fotografie anwenden?
Ich befürchte, dafür ist die kurze Definition den meisten dann doch zu kurz oder zu abstrakt?
Schärfentiefe in der Theorie
Inzwischen haben wir ja erfahren das die Blende, Verschlußzeit, Objektiv und die Diagonale des Aufnahmemdiums Film oder Chip Einfluß haben. Also versuche einfach mal diese Faktoren verständlich zu erläutern.
Objektive
Bei Weitwinkelobjektiven hat man bei gleicher Blende eine höhere Schärfentiefe wie bei einem Teleobjektiv. Lassen wir doch einfach Fotos sprechen. Das erste Foto wurde mit einem 20mm Weitwinkel aufgenommen und das Motiv ist von vorne bis hinten scharf.

Nun eignen sich nicht für alle Motive Weitwinkelobjektive. Sobald man in den Telebereich kommt, reduziert sich auf Grund der längeren Brennweite automatisch die Schärfentiefe. Viele Motive kann man allerdings nur mit dem Teleobjektiv fotografieren. Tiere und Sportmotive sind solche Klassiker. Aber auch in manch einer anderen Situation ist der Einsatz von Teleobjektiven nicht vermeidbar. Damit man mal den Unterschied erkennen kann ist das nächste Foto mit einem 400m Teleobjektiv aufgenommen worden.

Wie man auf dem Foto erkennnen kann, ist es sogar möglich die Schärfentiefe gestalterisch einzusetzen! Auf dem Foto habe ich bewußt nicht stark abbgeblendet, damit der Hintergrund halbwegs freigestellt wird. Freigestellt bedeutet in diesem Fall, dass der Hintergrund durch zu geringe Schärfentiefe in Unschärfe verschwimmt. Dadurch konzentriert sich der Blick des Betrachters nur auf das Hauptmotiv. Der Betrachter wird nicht von einem unruhigen Hintergrund abgelenkt.
Die Blende
Durch abblenden erhält man eine größere Schärfentiefe. Durch eine geöffnete Blende ist die Schärfentiefe geringer. Beides hat Vor- und Nachteile und ist oft von der Aufnahmesituation und dem gewünschten Effekt und Ziel abhängig.
Die meisten Objektive erreichen ihre beste Schärfe wenn man um 2-4 Blenden abblendet. Will man aber ein Motiv freistellen (= mit Teleobjektiv den Hintergrund in Unschärfe verschwimmen lassen) würde ein abblenden das freistellen vermindern.
Zu starkes abblenden bis zum Anschlag auf Blende 22 oder 32 kann wiederum zu Beugunsunschärfe führen!
Wie man sieht ist es oft keine leichte Entscheidung. Aber mit qualitätiv sehr guten Objektiven fallen manche optischen Verschlechterungen kaum ins Gewicht.
Die Verschlußzeit
hat eigentlich keinen direkten Einfluß auf die Schärfentiefe. Aber indirekt schon, da ja Verschlußzeit und Blende in gegenseitiger Abhängigkeit sind. Beide steuern die Menge an Licht die auf den Film oder Chip treffen. Wird die Verschlußzeit um einen Wert kürzer eingestellt, muß für eine korrekte Belichtung die Blende weiter geöffnet werden. Wird die Verschlußzeit um einen Wert länger eingestellt, muß für eine korrekte Belichtung die Blende um einen Wert weiter geschloßen werden.
Bilddiagonale des Film oder Aufnahmechip
Die Größe eines Filmes oder Aufnahmechips hat ebenfalls Einfluß auf die Schärfentiefe. Eine größere Fläche (= Diagonale) ergibt eine geringere Tiefenschärfe. Eine kleinere Aufnahmefläche ergibt eine höhere Schärfentiefe.
Aber halt! Beides hat auch Vor- und Nachteile!
Mit einem kleineren Film oder Aufnahmechip hat man zwar eine höhere Schärfentiefe. Aber das Freistellen wird spürbar schwieriger, da man mit dem selben Teleobjektiv nun schwerer oder kaum noch freistellen kann!
Bei einigen digitalen Spiegelreflexkameras gibt es unterschiedlich große Aufnahmechips. Dadurch verändern sich auch die Schärfentiefenbereiche. Da hier meist die selben Objektive zum Einsatz kommen, wird der Chip mit einem Crop-Faktor angegeben. Bei einem Crop-Faktor von 1,5 hat ein 400mm Objektiv eine effektive Brennweite von 600mm. Allerdings wirkt sich dies in der Schärfentiefe genau umgekehrt aus. Diese ist trotz höherer Brennweite größer.
Ich hoffe ich habe hiermit für nicht zuviel Verwirrung gesorgt?
Wenn doch, dann fragt bitte über die Kommentarfunktion einfach nach.
Aufnahmeabstand
Wenn man näher an ein Motiv geht, desto geringer wird die Schärfentiefe. Allerdings kann man je nach Brennweite ein Motiv auch besser freistellen.
Wenn man weiter weg von einem Motiv geht, erhöht sich die Schärfentiefe. Allerdings kann man so kaum bis gar nichts mehr freistellen.
Im Makrobereich hat man oft nur Millimeter oder noch weniger als Schärfentiefenbereich zur Verfügung. Wer in dem Bereich schon einmal fotografiert hat, weiss sicherlich wie schwer es ist selbst statische Motive in die gewünschte Schärfe zu bekommen.

Was man wann und wie anwendet ist vom gewünschten Ergebnis und den technischen Möglichkeiten abhängig.
Spezialobjektive
In der Großformatfotografie ist der Korrektur der Tilt und Shift-Funktion über die optische Bank meist Standard. Zum einen kann man damit perspektivische Verzerrungen ausgleichen, zum anderen kann man dadurch auch die Schärfenebene beugen. So kann man bei einer Blumenwiese die Schärfenebene, bei entsprechender Einstellung, von vorne bis an das Ende des Blumenfeldes scharf einstellen.
Solche Tilt-Shift-Objektive gibt es für digitale Spiegelreflexkameras von Canon und Nikon und mit Adapter auch von Schneider Kreuznach.
Leider hatt diese Möglichkeit auch gleich mehrere Nachteile. Solch ein Objektiv kostet zwischen 1.500 bis 2.500 Euro. Ist also sehr teuer. Diese Aufnahmetechnik erfordert ein Stativ, da die Einstellung manuell und exakt vorgenommen werden müssen. Somit ist es für Schnellschüsse unbrauchbar. Also nur für statische Motive eine sinnvolle aber auch optisch sehr gute Lösung. Eingesetzt werden solche Objektive bei Motiven der Architektur, Landschaften und sogar bei Portraits?!
Bei solchen Objektiven wird also nicht die Schärfentiefer erhöht, sondern lediglich der Bereich der Schärfe durch Beugung dem Motiv angepaßt. So kann man über den gewünschten Bereich die Schärfe festsetzen. In der Beautyfotografie verwendet man solche Objektive auch um gezielt bestimmte Bereiche unscharf zu machen 😉
Wie erhalte ich eine große Schärfentiefe?
- Weitwinkelobjektiv
- Abblenden
- Größerer Aufnahmeabstand
- Ein kleineres Aufnahmformat (Film oder Chip)
- Durch ein Tilt-Shift-Objektiv die Schärfeebene verstellen
Zum Abschluß noch einmal ein direkter Verlgeich. Die Aufnahmen sind beide mit dem Nikon AF-D 2,8/180 mm entstanden.


Hier kann man ganz gut erkennen, wie bei Blende 2,8 (offener Blende) die Schärfentiefe sehr gering ist und ein Großteil des Bildes in Unschärfe verschwimmt.
Beim zweiten Foto wurde auf Blende 22 abgeblendet. Dadurch erhält man weniger Unschärfe und sieht mehr Details.
Was nun besser oder schöner empfunden wird, ist sicherlich vom Motiv, Motivumfeld und vom Betrachter abhängig. Aber mit diesem Wissen kann man sicherlich in Zukunft seine Fotos gezielter und überlegter gestalten.
Schließlich kann man ja auch die Unschärfe oder das Freistellen eines Motives gezielt zur Steigerung einer Bildaussage einsetzen. Aber dazu kommen wir noch im Artikel über Unschärfen.
Schärfentiefe oder Tiefenschärfe?
Bei diesem Thema wird man immer wieder auf beide Wörter treffen. Beide meinen das selbe. Tiefenschärfe wird meist umgangssprachlich verwendet, ist allerdings technisch gesehen nicht ganz korrekt, da die Tiefe nicht scharf sein kann?
Korrekter wäre Schärfentiefe, da die Schärfe tiefer zunehmen oder abnehmen kann.
Mir persönlich ist es egal welches Wort verwendet wird, da man in beiden Fällen weiß was gemeint ist.
Vielen Dank für den interessanten Artikel. Bis jetzt hat mir noch keiner so gut erklären können, wie verschlusszeit und vor allem Blendenöffnung die Schärfentiefe eines Bildes beeinflussen. Mit meiner Kamera habe ich schon etwas an der Blendeineinstellung herumgespielt und empirisch diesen Zusammenhang herausgefunden.
Viele Leute die mal Fotografieren kaufen sich auch eine Teure Kamera und wissen dann meistens nicht wie sie mit dieser umzugehen haben bzw was diese alles für einstellungen haben. Und wundern bzw freuen sich dann immer wenn sie eine neue Einstellung durch zufall entdecken.
Ich bin meistens auch eher praktisch veranlagt und würde eher ausprobieren.Hier hast du jetzt aber ales so schön erklärt,das es sich lohnt sich näher mit der Materie auseinanderzusetzen.Sehr interessant und zugleich anschaulich geschrieben.Klasse! Nun heißt es ausprobieren, was du uns nahe gebracht hast 😉
Sehr guter Beitrag. Vielen dank dafür
Danke für deine Erklärungen. Viele, die sich eine teuere Kamera kaufen und einfach loslegen, eventuell noch etwas experimentieren, können wohl trotzdem nicht alles so super aufeinander abstimmen, wie es möglich wäre. Ich habe keine Spiegelreflexkamere und auch mit deinen ganzen Erläuterungen ist mir das alles auch viel zu kompliziert, als dass ich mir jetzt noch eine anschaffen würde.
Es ist allerdings wirklich interessant – gerade beim letzten Beispiel – wie groß die Unterschiede sein können.
Also es ist doch erstaunlich was man mit der richtigen einstellung rausholen kann.Ich würde jede wette eingehen, das du mit einer normalen kammera mehr rausholen kannst als ein hobbyfotograf der sich vielleicht eine teure spiegelreflexkamera kauft und damit nicht umgehen kann.es kommt eben auch auf das verständnis an wir man mit einer kamera umgeht und die einstellungen vornimmt.